Jetzt einkaufen | Kostenloser Versand ab 75 € in DE

300 Euro für einen Pullover

Schrumpfende Herden, faire Löhne, steigende Inflation, schwankende Wechselkurse: Was hinter den Preisen mongolischer Wollprodukte steckt und warum Rohstoffe aus der Steppe immer wertvoller werden
30. April 2026 durch
300 Euro für einen Pullover
Malte | Steppenstrolch
| Noch keine Kommentare


Der Wollpreis entscheidet sich im Frühling

„Die Wolle ist sehr wichtig. Wenn wir sie gut verkaufen können, verdienen wir auch gut."

Tsetsgee ist Kamelhirtin in der Nähe von Delgerkhangai Sum. Was sie in diesem einen Satz beschreibt, ist ein Markt, der jedes Frühjahr neu entsteht, ohne Börse und ohne offiziellen Preis.

Im Frühling und im Frühsommer, wenn die Tiere geschoren werden, entwickelt sich ein Netzwerk aus Gerüchten, Schätzungen und Verhandlungen. Wie war der Winter in anderen Teilen der Mongolei? Wie viele Nomaden bringen Wolle auf den Markt? Wie dringend brauchen die Verarbeitungsbetriebe Nachschub? Niemand kennt alle Antworten, aber durch die Gerüchteküche entsteht ein Gesamtwerk, aus dem sich ein Preis entwickelt.

Den Anker für den gesamten Wollmarkt setzt der Preis für Kaschmirwolle: Als relevantester Wollpreis mit vielen Akteuren, setzt er das Signal, an dem sich auch die Preise für Kamel- und Yakwolle orientieren. Somit hängt das Einkommen der Kamelhirtin ganz konkret davon ab, wie gut die Kaschmirziegen den Winter überlebt haben.

Fliegende Händler machen nun die Runde bei den Nomaden und nennen Abnahmepreise. Die Hirten stehen dann vor einer klassischen Spekulation: jetzt verkaufen, oder warten – in der Hoffnung, dass der Preis noch etwas anzieht, mit dem Risiko, am Ende weniger zu bekommen. Manche fahren in den nächsten Ort um dort zu verkaufen. Andere tun sich zu Kollektiven zusammen, um gemeinsam eine bessere Verhandlungsposition zu haben.

Wir bei steppenstrolch sind Teil dieses Systems: Indem wir mongolische Wolle kaufen und in Europa verkaufen, erhöhen wir die Nachfrage. Das erhöht die Wollpreise – was gut ist für die Nomaden, und was uns gleichzeitig vor eine echte Herausforderung stellt.

Unsere Einkaufspreise werden jedes Jahr etwa im April festgelegt und gelten in der Regel für die gesamte Saison. Steigende Wollpreise freuen uns als Unternehmen, das faire Löhne entlang der Lieferkette unterstützt – sie belasten uns aber auch direkt. Bei Steppenstrolch macht der Materialeinsatz rund 45 % unserer Kosten aus. Das ist im Textilhandel außergewöhnlich hoch. Es gibt kaum ein Bekleidungsunternehmen, in der der Rohstoffpreis so unmittelbar auf den Verkaufspreis durchschlägt.

In diesem Beitrag möchten wir euch zeigen, wie sich die Preise entwickeln und welche Einflussfaktoren dabei zusammenwirken.

Weniger Tiere, weniger Wolle, höhere Preise

Laut der Nationalen Statistikbehörde der Mongolei (NSO) lebten 2022 noch rund 27,6 Millionen Ziegen im Land. 2024 waren es nur noch 22,9 Millionen – ein Rückgang von fast 17 % in zwei Jahren. Bei Schafen sieht es ähnlich aus: von 32,7 Millionen (2022) auf 24,5 Millionen (2024), ein Minus von über 25 %.

Ein wichtiger Grund dafür ist der Dzud.  So nennen die Mongolen ein Naturphänomen, das in verschiedenen Formen auftreten kann. Am verheerendsten ist die Kombination aus zwei schlechten Jahreszeiten: Ein trockener Sommer lässt die Weiden verkümmern, die Tiere gehen mit zu wenig Fettreserven in den Winter. Kommt dann noch ungewöhnlich starker Schneefall hinzu, werden die Weideflächen unter einer dicken Eis- und Schneedecke begraben. Die Tiere können nicht mehr an das Gras darunter gelangen und verhungern. Allein im Winter 2023/24 starben über 8 Millionen Tiere. Die Mongolei hat in den letzten zehn Jahren sechs schwere Dzud-Ereignisse erlebt.

Das ist kein Zufall. Die Mongolei erwärmt sich fast dreimal so schnell wie der globale Durchschnitt. Trockenere Sommer, härtere Winter, immer weniger Zeit zur Erholung zwischen den Katastrophen. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Überweidung. Zu viele Tiere auf zu kleinen Flächen haben die Steppe in manchen Regionen so stark degradiert, dass das Gras kaum noch nachwächst – ein Teufelskreis aus Klimastress und menschlichem Druck auf das Ökosystem.

Doch der Dzud allein erklärt die Krise nicht vollständig. Es kommen strukturelle Faktoren hinzu, die die Mongolei seit Jahrzehnten belasten. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Übergang zur Marktwirtschaft verschwanden viele der Institutionen, die die Weidewirtschaft früher gestützt hatten: staatliche Tierärzte, Brunnenwächter, genossenschaftliche Strukturen. Gleichzeitig konnte nach der Wende jeder Hirte werden — ein Beruf, der in der Mongolei hohes Ansehen genießt — weitgehend ohne Regulierung.  Die Folge: Die Tierbestände explodierten, die Weiden wurden überlastet, und die traditionellen Mechanismen zur Verteilung von Weideland brachen weg.

Hinzu kommt ein demographischer Wandel. Immer mehr junge Mongolen entscheiden sich für das Leben in der Stadt – verständlich, aber folgenreich. Das überlieferte Wissen über Weideführung, Tiergesundheit und Wetterbeobachtung geht verloren. Wer heute noch Hirte ist, ist oft älter und arbeitet mit weniger Unterstützung.

Viele Hirten haben die Überweidung als Problem erkannt und reduzieren ihre Herden bewusst — nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern um die Weiden langfristig zu schonen. Es gibt junge Hirtenfamilien, die Dinge anders und besser machen wollen. Es entstehen lokale Absprachen zwischen Hirtenfamilien: Wer weidet wann wo? Wie viele Tiere verträgt eine Fläche? Was bleibt für den nächsten Winter? Man tut sich zusammen, bildet Kollektive und versucht gemeinsam einen guten Weg für alle zu finden, der auch langfristig funktioniert.

Weniger Tiere, weniger Wolle — und ein Weltmarkt, der trotzdem wächst. Die globale Nachfrage nach hochwertigen Naturfasern steigt, während das Angebot aus der mongolischen Steppe schrumpft. Das treibt die Rohstoffpreise nach oben — und landet am Ende auf unseren Einkaufsrechnungen.

Ein Land unter Kostendruck: Löhne, Inflation, Wechselkursabhängigkeiten

Was auf den Weiden passiert, ist nur ein Teil der Geschichte. In den Verarbeitungsbetrieben, in denen unsere Wolle gesponnen, gewaschen und weiterverarbeitet wird, läuft eine zweite Rechnung – und auch die geht nach oben.

Die allgemeine Inflation in der Mongolei hat in den letzten fünf Jahren kumuliert rund 57 % betragen. Das ist kein Druckfehler. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Teuerung im selben Zeitraum bei etwa 20 %. Was das für mongolische Betriebe bedeutet, lässt sich an einem Beispiel zeigen: der Mindestlohn. Er lag 2023 bei 550.000 MNT pro Monat. 2024 stieg er auf 660.000 MNT (+20 %), 2025 auf 792.000 MNT (nochmals +20 %). In zwei Jahren also eine Lohnsteigerung von 44 % – notwendig, um der Inflation gegenzusteuern, aber für Produktionsbetriebe eine erhebliche Belastung.

Dazu kommt ein Faktor, der selten diskutiert wird: Maschinen, Ersatzteile und Beratungsdienstleistungen werden in der mongolischen Textilindustrie überwiegend im Ausland eingekauft und häufig in US-Dollar fakturiert. Das bedeutet: Während die Löhne in MNT steigen und die allgemeine Inflation die lokalen Betriebskosten treibt, müssen Investitionen und technische Wartung zu Dollarkursen bezahlt werden. Der mongolische Tugrik hat gegenüber dem Dollar in den vergangenen Jahren deutlich an Wert verloren – was die Investitionskosten für mongolische Betriebe weiter verteuert.

Unsere Lieferanten werden also von drei Seiten gleichzeitig unter Druck gesetzt: steigende Lohnkosten in MNT, allgemeine Preisinflation und dollar-notierte Kapitalkosten. Das schlägt sich direkt in den Preisen nieder, die wir für die Produkte zahlen.

Auf europäischer Seite gibt es ebenfalls eine Verschiebung – weniger dramatisch, aber relevant. In den letzten fünf Jahren hat der Euro gegenüber dem mongolischen Tugrik um rund 21 % aufgewertet: Stand heute kostet ein Euro rund 4.185 MNT, gegenüber etwa 3.450 MNT im Jahr 2021. Das federt einen Teil der Kostensteigerungen ab – aber eben nur einen Teil. 




Die strukturellen Preissteigerungen auf mongolischer Seite sind stärker und breiter, als der Wechselkurs ausgleichen kann. Was bleibt, ist außerdem erhebliche Planungsunsicherheit: Von Jahr zu Jahr ist kaum vorherzusagen, zu welchem realen Preis wir einkaufen werden.


Was das für steppenstrolch bedeutet


Wir kaufen die Produkte direkt bei familiengeführten Betrieben in der Mongolei ein. Das ist uns wichtig, weil wir nur so Transparenz und faire Handelsbedingungen sicherstellen können. Es bedeutet aber auch, dass wir diese Marktbewegungen direkt spüren. Wir haben keine Großhandelsverträge, bei denen Preise auf Jahre eingefroren werden. 

Als nicht in erster Linie gewinnorientiertes Unternehmen geben wir diese Realität ehrlich weiter: steigende Preise spiegeln einen Rohstoff wider, der immer wertvoller wird, weil das Klima sich verändert, weil die Menschen, die ihn produzieren, gerecht entlohnt werden sollen.

Wenn ihr also das nächste Mal 100g Strickwolle, einen Yakwollschal oder einen Troyer aus Kamelwolle bei uns kauft: Ihr haltet etwas in den Händen, dessen Preis eine ehrliche Geschichte erzählt.

300 Euro für einen Pullover
Malte | Steppenstrolch 30. April 2026
Diesen Beitrag teilen
Stichwörter
Archiv
Anmelden um einen Kommentar zu hinterlassen
Dein Warenkorb
Dein Warenkorb